Der Tanz aus dem Korsett
Warum unsere „Verrücktheit“ zur Lebendigkeit gehört
Es gibt Momente, in denen ich plötzlich tanze.
Nicht auf einer Party. Nicht, weil jemand zuschaut. Sondern einfach mitten am Tag.
Musik an. Afrikanische Rhythmen. Trommel in die Hand. Körper bewegen. Ohne Choreografie, ohne Plan, ohne darüber nachzudenken, wie das von außen aussieht.
Und manchmal kommt zuerst dieser kleine Gedanke:
„Darf ich das gerade überhaupt?“
Genau dieser Gedanke hat mich irgendwann fasziniert.
Denn warum eigentlich nicht?
Warum sollte ein erwachsener Mensch nicht mitten am Tag Musik hören, laut lachen, tanzen, singen, trommeln oder sich für einen Moment vollkommen seinem Körper überlassen dürfen?
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, zu funktionieren, dass sich Lebendigkeit manchmal schon wie Rebellion anfühlt.
Und vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis.
Das unsichtbare Korsett
Wir lernen früh, wie man „richtig“ ist.
Nicht zu laut.
Nicht zu emotional.
Nicht zu wild.
Nicht zu bedürftig.
Nicht zu viel.
Wir lernen, wann man spricht, wann man schweigt, wie man sich verhält und was als angemessen gilt.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Eine Gesellschaft braucht Regeln, Grenzen und Rücksicht.
Problematisch wird es dort, wo aus Rücksicht Selbstverleugnung wird.
Wo wir nicht mehr nur lernen, unser Verhalten an eine Situation anzupassen, sondern beginnen, Teile von uns selbst wegzuschneiden.
Unsere Lautstärke.
Unsere Sinnlichkeit.
Unsere Wut.
Unser Lachen.
Unsere Kreativität.
Unsere Spontaneität.
Unsere sogenannte „Verrücktheit“.
Und irgendwann wissen wir vielleicht gar nicht mehr genau, wo die Grenze liegt zwischen dem Menschen, der wir wirklich sind, und dem Menschen, von dem wir gelernt haben, dass wir ihn darstellen müssen.
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott beschrieb mit dem Konzept des False Self eine ähnliche Dynamik: Ein Teil von uns kann sich stark an äußere Erwartungen anpassen, während der spontane, lebendige Selbstausdruck immer weiter in den Hintergrund rückt.
Nicht jede Anpassung ist deshalb ein falsches Selbst. Aber die Frage ist interessant:
Wie viel von meinem Leben entspringt eigentlich mir und wie viel davon tue ich, weil ich gelernt habe, dass man es so macht?
Der innere Zensor
Vielleicht kennst du diese Stimme.
Du hörst einen Song und möchtest dich bewegen.
Dann kommt der Gedanke:
„Was soll das denn?“
Du möchtest jemanden umarmen.
„Ist das jetzt zu viel?“
Du möchtest deine Meinung sagen.
„Damit könnte ich anecken.“
Du möchtest laut lachen.
„Die anderen könnten mich für komisch halten.“
Dieser innere Zensor ist nicht einfach unser Feind. Psychologisch betrachtet erfüllt Selbstkontrolle wichtige Funktionen. Sie hilft uns, Impulse zu regulieren und uns in sozialen Situationen zurechtzufinden.
Aber manchmal übernimmt sie das Steuer.
Dann wird aus Selbstregulation Selbstzensur.
Freud beschrieb mit dem Über-Ich eine psychische Instanz, die Normen, Verbote und moralische Anforderungen verinnerlicht. Vereinfacht gesagt: Wir tragen irgendwann einen Teil der Gesellschaft in unserem eigenen Kopf.
Und dann braucht es gar keinen Menschen mehr, der uns sagt:
„Sei nicht so.“
Wir sagen es selbst.
Was wir verdrängen, verschwindet nicht
Hier wird für mich Carl Jungs Gedanke vom Schatten interessant.
Der Schatten bezeichnet vereinfacht jene Persönlichkeitsanteile, die wir nicht oder nicht vollständig in unser bewusstes Selbstbild integrieren.
Vielleicht ist es deine Wut.
Vielleicht deine Sexualität.
Vielleicht deine Verspieltheit.
Vielleicht dein Bedürfnis nach Nähe.
Vielleicht aber auch deine Kraft, deine Größe und deine Freude.
Denn nicht nur das Dunkle kann im Schatten landen.
Auch das, was uns zu lebendig, zu intensiv oder zu ungewöhnlich erscheint.
Und genau deshalb gefällt mir die Idee des goldenen Schattens:
Manchmal liegt in dem Teil von uns, den wir gelernt haben abzulehnen, etwas Wertvolles.
Nicht weil wir jede Grenze sprengen sollten.
Sondern weil wir uns fragen dürfen:
Was wäre, wenn das, was ich an mir „zu viel“ finde, eigentlich eine Ressource ist?
Was, wenn deine Lautstärke Ausdruckskraft ist?
Was, wenn deine Sensibilität Wahrnehmung ist?
Was, wenn deine Wut dir zeigt, wo eine Grenze überschritten wurde?
Was, wenn deine Verrücktheit Kreativität ist?
Lebendigkeit entsteht nicht im Kopf
Meine vielleicht wichtigste Erkenntnis dabei ist:
Lebendigkeit lässt sich nicht vollständig denken.
Du kannst hundert Bücher über Freiheit lesen.
Du kannst verstehen, warum du dich anpasst.
Du kannst analysieren, woher deine Angst vor Ablehnung kommt.
Und trotzdem kann dein Körper noch immer angespannt auf einem Stuhl sitzen.
Irgendwann muss etwas vom Denken ins Erleben.
Deshalb ist Tanz für mich mehr als Bewegung.
Es ist eine Möglichkeit, den inneren Zensor für einen Moment nicht zum Regisseur zu machen.
Der Körper darf führen.
Ein Rhythmus entsteht.
Eine Bewegung entsteht.
Dann vielleicht die nächste.
Und plötzlich passiert etwas, das sich schwer in Worte übersetzen lässt:
Du bist wieder da.
Nicht als Rolle.
Nicht als Funktion.
Nicht als „guter Mitarbeiter“, „guter Partner“, „guter Sohn“, „gute Tochter“ oder „vernünftiger Erwachsener“.
Einfach als Mensch.
Warum Betäubung so verführerisch werden kann
Und hier berührt die Frage nach Lebendigkeit auch ein gesellschaftlich relevantes Thema.
Wenn Menschen sich selbst kaum noch spüren, kann die Suche nach intensiven Reizen besonders attraktiv werden.
Dauerndes Scrollen.
Pornografie.
Alkohol.
Drogen.
Shopping.
Arbeit.
Gaming.
Ständige Unterhaltung.
Natürlich haben Süchte und Abhängigkeiten viele Ursachen. Biologie, Lernerfahrungen, psychische Belastungen, soziale Faktoren und individuelle Lebensgeschichten spielen eine Rolle.
Es wäre deshalb falsch zu behaupten:
„Wenn du genug tanzt, brauchst du keine Sucht mehr.“
So einfach ist es nicht.
Aber eine Frage halte ich trotzdem für wichtig:
Wie viel von unserem Bedürfnis nach Betäubung entsteht vielleicht auch daraus, dass wir uns selbst im Alltag kaum noch wirklich spüren?
Und umgekehrt:
Wie verändert sich unser Bedürfnis nach künstlicher Stimulation, wenn wir wieder Zugang zu echter Freude, Bewegung, Verbindung, Kreativität und Sinn bekommen?
Das ist keine einfache Therapieformel.
Es ist eine Einladung zur Untersuchung.
Der Moment, in dem du aufhörst, dich selbst zu beobachten
Vielleicht ist das eine der schönsten Erfahrungen beim Tanzen:
Irgendwann hörst du auf, darüber nachzudenken, wie du aussiehst.
Du bist nicht mehr Zuschauer deines eigenen Lebens.
Du bist mittendrin.
Der Körper bewegt sich.
Der Rhythmus trägt dich.
Du lachst vielleicht.
Du schwitzt.
Du bist laut.
Du bist still.
Du bist vielleicht sogar für einen Moment vollkommen „bescheuert“.
Und genau das meine ich, wenn ich von Verrücktheit spreche.
Nicht Kontrollverlust.
Nicht Rücksichtslosigkeit.
Nicht „alles ist erlaubt“.
Sondern die Erlaubnis, nicht permanent perfekt kontrolliert, vernünftig und erklärbar sein zu müssen.
Vielleicht ist deine Verrücktheit nicht das Problem.
Vielleicht ist sie ein Teil deiner Lebenskraft.
Die Aufgabe ist nicht, alle gesellschaftlichen Regeln über Bord zu werfen.
Die Aufgabe ist auch nicht, jedem Impuls blind zu folgen.
Die eigentliche Freiheit liegt vielleicht dazwischen:
zu wissen, wann Anpassung sinnvoll ist und wann du dich selbst verlässt.
Wann du still sein möchtest.
Und wann du laut werden willst.
Wann du Grenzen respektierst.
Und wann du eine Grenze überschreitest, die du dir selbst gesetzt hast.
Wann du funktionieren musst.
Und wann du einfach leben darfst.
Vielleicht beginnt Heilung deshalb nicht immer damit, noch mehr an uns zu arbeiten.
Vielleicht beginnt sie manchmal damit, uns wieder zu erlauben, zu sein.
Zu tanzen.
Zu singen.
Zu fühlen.
Zu spielen.
Zu weinen.
Zu lachen.
Zu trommeln.
Zu lieben.
Zu leben.
Nicht irgendwann, wenn alles erledigt ist.
Sondern jetzt.
Mitten im Chaos.
Mitten im Alltag.
Mitten im Leben.
Vielleicht ist das keine Flucht aus der Realität.
Vielleicht ist es eine Rückkehr zu ihr.
Und vielleicht ist genau das die Frequenz, nach der wir uns eigentlich sehnen.